Der unethische Ethikprofessor

Eine Widerrede, der dieses Interview als Grundlage dient: https://www.derpragmaticus.com/r/interview-impfpflicht-oesterreich/

„Was mir aber dabei fehlt, sind grundsätzliche ethische Fragestellungen, vor allem die, wie wir uns angesichts dieses Ereignisses verhalten sollen.“ […]

Was mir hier fehlt ist gesunder Menschenverstand, nicht rhetorische Kniffe und unbotmässige Vergleiche. Von einem Professor für Philosophie (bei dem ich übrigens auch Vorlesungen besuchte) hätte ich mir mehr erwartet. Verkehrsregeln und Fahrzeugsicherheit mit Instinkthandlungen und Menschen mit Stachelschweinen zu vergleichen bringt uns über die Diffamierung hinaus nicht weiter. Menschen als diejenigen hinzustellen, die nicht wissen, was sie tun, aber durch Art von natürliche Balance in instinktives Herdenverhalten zum Wohle aller zu verfallen, erscheint mir eine hanebüchene Verfehlung. Weder die Verkehrsregeln, noch die Geschwindigkeitsbegrenzungen noch der Gurt hat sich von selbst “geschrieben” oder werden durch Instinkt angewandt. Wenn man den Autofahrer lässt, fährt er wohl instinktiv im Ortsgebiet unangeschnallt 100, weil es es gerade eilig hat. Wer verhalten uns verantwortungsvoll weil die Regeln die Grenzen des Gefährlichen anzeigen, verständlich und ahndbar machen.

„Damit Verhalten ethisch wird, müsste es aber vom Einzelnen aus innerer Überzeugung anerkannt sein.“

Entschieden falsch und erschrecken für jemand als Mitglied eines Gremiums für Bioethik. Die eigene innere Überzeugung tut im Falle von Übertretungen und Regelbruch überhaupt nichts zu Sache. Ob einzeln anerkannt oder nicht, es wird mit keinen Embryonen geforscht. Basta. Wer das aufweicht, braucht keine Regeln mehr und keine Kommission. Die eigene ethische Einschätzung mag ja eben fehlgehen oder fehlgeleitet sein. Damit ein singuläres Verhalten ethisch wird, braucht es den anderen (eine Kontrollinstanz), um es zu evaluieren, als Korrektiv und Spiegel. Ohne diesen Spiegel und die abgewogenen Konsequenzen auf andere kann man doch nicht von “ethisch” sprechen! Ich mache mir nun ernsthaft Sorgen, wie eine solche Aussage in seiner Position überhaupt zustande kommen kann…

„…da noch immer keine offene wissenschaftliche Diskussion geführt wird, welche positiven und negativen Auswirkungen die Impfung mit sich bringt.“

Doch, durchaus. Man muss dies nur nachlesen wollen und die Fachmeinungen von tausenden Ärzten und Gremien akzeptieren, plus die weltweiten Erfahrungsberichte und diese über seine eigene philosophische Meinung stellen können – die im Fall des stellvertretenden Leiters der Bioethikkommission nicht auf einer naturwissenschaftlichen Ausbildung fusst. Die Diskussionen finden statt, aber nicht auf der Straße oder auf Social Media oder in Fernsehprogrammen oder gar auf Blogs oder in Interviews. Es gibt ein Prozedere zur Zulassung, und wenn das erfüllt wurde, ein anhaltendes Monitoring. Jeder Zweifel danach muss bewiesen werden, nicht nur in den Raum gestellt…aber die Gefahr des Passivrauchens gibt es laut Kampits ja auch nicht, sie sei ein “statistisches Konstrukt”. (siehe, befremdlich, in https://www.diepresse.com/727550/der-heilige-krieg-der-heutigen-blockwarte-gegen-die-raucher). Ich denke, das sagt schon alles über einen Ethikprofessor, der im Jahre 2019 mit Nazijargon Industrieprodukte mit nachweislichen Gesundheitsschäden schützen möchte.

„Die Auffassung, man nehme in einem unsolidarischen Akt anderen das Spitals- oder Intensivbett weg, greift für mich zu kurz. Solidarität ist keine Einbahnstraße,“

Nein, sie greift genau richtig – zu weit greift die Kritik und das unreflektierte Wegwischen des Fakts, dass eben die Mehrheit der Covid19 Fälle auf den Intensivstationen weltweit aus Ungeimpften besteht. In einem System unter Stress, wenn auch (noch) nicht überlastet, kommt das sehr wohl für die Planung anderer Behandlungen zu Tragen. Das zu Leugnen halte ich für unethisch und zu kurz gegriffen. Solidarität ist kein quid pro quo, keine Transaktion und daher sehr wohl per definitionem manchmal einseitig, in der Hoffnung die anderen tun das Gleiche, später für einen. Aber man legt doch die Rechnung nicht sofort auf den Tisch, dann ist es keine Solidarität sondern ein Geschäft. Diese Transaktionsmentalität hat schon viel zuviel Gewicht in unserer Gesellschaft und genau diese Solidaritätshaltungen untergraben. Warum dies nun von einem Philosophen verteidigt wird, ist mir rätselhaft. Man schränkt sich selbst ein, um andere zu schützen, die zu einer Gemeinschaft gehören. “Die „Solidarität“ bezeichnet vor allem als Grundprinzip des menschlichen Zusammenlebens ein Gefühl von Individuen und Gruppen, zusammenzugehören. Dies äußert sich in gegenseitiger Hilfe und dem Eintreten füreinander.“ Nur wer diese Gemeinschaft aufkündigt, kann fordern, dass Solidarität zu viel sei. Man erklärt sich solidarisch, auch wenn man selbst noch nicht davon betroffen ist. Alles andere wäre ein einseitiges Konkurrenzdenken nach dem Motto „Mir doch egal was Dir gerade passiert“. Der Gegenbegriff zu Solidarität ist Konkurrenz, und die Spaltung der Gesellschaft wird nicht von den (teilweise halbgaren) Maßnahmen der österreichischen (und anderen) Regierungen gefördert, sondern durch diejenigen, die das Gefühl der Gemeinschaft aufkündigen, und damit die Solidarität in Frage stellen.

„…Dialog mit anderen Meinungen und Interpretationen von Fakten ist angesichts der Einseitigkeit, verschärft durch die in den Medien nahezu permanent auftretenden gleichen Personen, verloren gegangen.“

Es sind eher immer die gleichen wenigen Kritiker denen unverhältnismässig viel Raum und Aufmerksamkeit gegeben wird, die den Dialog mit anderen Meinungen vergiftet haben und permanent die Interpretation von Fakten untergraben und per cherry-picking umzuschreiben suchen, ohne Beweise oder wirklich funktionable alternative Lösungen zu bringen.

„Aber es bleibt dabei: Keiner kann dem anderen sein Sterben abnehmen. Sterben ist kein solidarischer Akt, jeder stirbt für sich allein.“

Nein, das Unding sind Politiker, die die Verantwortung auf den Einzelnen abwälzen, weil sie inkompetent in der Krisenbewältigung sind. Die Schande sind Denker, die sich dieser Vereinzelung inhaltlich anschließen.

Eines ist im Kontrast zu Kampits Aussagen klar: Sterben lassen ist kein solidarischer Akt, jeder stirbt in einer Gemeinschaft, die entweder dieser Bezeichnung würdig ist oder eben nicht

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